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Bald Gen-Therapien für Ataxien?

Bei Ataxien ist die Koordination der Bewegungsabläufe gestört, oft durch eine vererbte Veranlagung. Forscher suchen nach wirksamen Medikamenten
von Christian Krumm, 13.09.2017

Probleme beim Schreiben: Bei einer Ataxie können Koordinationsstörungen auftreten

dpaPictureAlliance/Westend61/zerocreatives

Die Erwartungen der Patienten und Mediziner waren gleicher­maßen groß, als italienische Forscher vor Kurzem ein mögliches Medikament zur Behandlung von Ataxien präsentierten. In einer kleinen Studie hatten sie überraschend gute Erfahrungen mit Riluzol gemacht, einem Mittel zur Behandlung der amyotrophen Lateral­skle­rose (ALS).

Der Wirkstoff sollte, so die Hoffnung der Forscher, überaktive Nervenzellen regulieren. Größere Studien folgten, doch Riluzol konnte die Erwartungen vieler Fachleute bei Ataxien nicht erfüllen. "Wir haben auch in der täglichen Praxis keine überzeugenden Effekte gesehen", resümiert Professor Jörg Schulz, Neurologe an der Universitätsklinik Aachen.

Das passiert bei einer Ataxie

Nervenschäden im Kleinhirn oder Rückenmark führen dazu, dass der Patient seine Muskulatur nicht mehr koordiniert steuern kann. Häufige Ursachen sind Schlaganfälle. Daneben gibt es aber auch rund 100 verschiedene vererbbare Formen. Wie heftig die Motorik gestört ist, richtet sich nach dem Ausmaß der jeweiligen Schäden.


Das Problem ist die Vielfalt

Bei Ataxien handelt es sich um Störungen in der Koordi­nation von Bewegungsabläufen. Weltweit sind Forscher auf der Suche nach Ursachen und Therapieoptionen – vor allem für erbliche Formen. Allein in Deutschland sind schätzungsweise 15.000 Menschen davon betroffen. Manche Patienten zeigen nur leichte Symptome, andere sitzen früher oder später im Rollstuhl.

Ataxie: Nervenschäden im Kleinhirn oder Rückenmark stören die Koordination

W&B/Jörg Neisel

Mitunter beginnen die Störungen bereits in der Kindheit, die Lebenserwartung ist oft reduziert – Mediziner rechnen mit etwa 20 bis 30 Jahren ab Diagnosestellung. Mehr als 100 verschiedene Arten der Erkrankung sind bislang bekannt. "Diese Vielfalt ist auch das Problem", sagt Neurologe Schulz. Denn sie erschwert die Suche nach möglichen Therapien beträchtlich.

Einen großen Schritt haben Wissenschaftler aus Chicago (USA) dabei getan. Das Team um den Neurologen Dr. Puneet Opal wertete Erbgutdaten zu Ataxien aus mehr als 150 Jahren Medizinforschung aus, um Zusammenhänge genetisch bedingter Formen besser zu verstehen. Eine große Hilfe waren dabei die Früchte des Humangenomprojekts, das 2007 erstmals das komplette menschliche Erbgut entschlüsselte.

Ursachen bald völlig geklärt

"Wenn wir die genetische Vielfalt besser kennen, erhalten wir tiefere Einblicke in Gene und zelluläre Abläufe, die zur Neurodegeneration führen", sagt Opal, der seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift JAMA Neurology veröffentlichte. Er gibt sich zuversichtlich, dass die Ursachen bald vollständig aufgeklärt sein werden. Und noch mehr: Weil vielen genetisch bedingten Ataxieformen die gleichen zellulären Abläufe zugrunde liegen, hofft Opal Medikamente zu finden, die diese Mechanismen beeinflussen und Ataxien damit behandelbar machen.

Denn bislang gebe es keine wirksamen Arzneitherapien, um die Symptome zu lindern oder gar ein Fortschreiten der Erkrankung zu stoppen, so Neurologe Jörg Schulz. Eine konsequente Physiotherapie gilt derzeit als einzige und unverzicht­bare Option, damit die Patienten ihre Motorik besser kontrollieren können. International wird aber an einigen Wirkstoffen zur Behandlung dieser Krankheiten geforscht.

Hoffnungsträger Vitamin B

Im Fokus steht dabei vor allem die Friedreich-Ataxie, die häufigste genetisch bedingte Form. Aufgrund von Mutationen in einem bestimmten Gen kann der Körper den Eiweißstoff Frataxin nicht korrekt herstellen. Ein Mangel dieses Proteins führt letztendlich zu den Schäden im Kleinhirn.

Im Herbst soll eine europäische Studie unter Aachener Leitung starten, die die Wirkung von Nicotinamid, einem Bestandteil des Vitamin-B-Komplexes, bei diesem Krankheits­geschehen untersucht. Nicotinamid blockiert das Enzym Histon-Deacety­lase (HDAC), das für die gestörte Frataxin-Bildung mitverantwortlich ist. Damit die Blo­ckade gelingt, sind jedoch extrem hohe Dosierungen des Wirkstoffs erforderlich. "Die Anwendung ist daher nur im Rahmen klinischer Studien sinnvoll", sagt Schulz.

Gentherapie: Erste Erfolge bei Mäusen

Den eigentlichen Fokus wollen Forscher künftig auf klassische Gentherapien legen. Dabei könnten intakte Genabschnitte in das fehlerhafte Gen der Zellen eingeschleust und der Defekt auf diese Weise repariert werden. In Tier­­experimenten sollen die ersten Versuche positiv verlaufen, die Mäuse geheilt worden sein. Neurologe Jörg Schulz ist zuversichtlich, dass erste Gentherapien für Friedreich-Patienten in etwa fünf bis sechs Jahren zur Verfügung stehen könnten.

Auch bei anderen Ataxien könnten Gentherapien der Schlüssel zum Erfolg sein. So sind manche Formen dadurch gekennzeichnet, dass die Fehler im Erbgut zur Produktion riesiger Proteine führen. Diese verklumpen dann, wodurch schließlich die Nervenzellen zugrunde gehen. Substanzen, die aus kleinsten DNA-Bau­steinen bestehen, sollen sich an die fehlerhaften Gene heften und sie markieren. So können sie erkannt und zerstört werden. Auf diese Weise lässt sich die Produktion defekter Proteine verhindern – und der Krankheits­verlauf hoffentlich positiv beeinflussen.



Bildnachweis: W&B/Jörg Neisel, dpaPictureAlliance/Westend61/zerocreatives

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